Die Zeit des Naziterrors - 1933 bis 1945

Während des Zweiten Weltkrieges wurde der gesamte Komplex des Krankenhauses im Bereich der Grafenstraße zerstört - vor allem in der Brandnacht am 9. September 1944. Die Kliniken wurden an viele Orte verlagert (s. Standort Darmstadt).

Die Provinzial-Heil- und Pflegeanstalt auf dem Gelände des heutigen Klinikums Darmstadt-Eberstadt wurde 1903 errichtet, um Arme, Alte sowie körperlich oder geistig Behinderte zu versorgen. Bis zu 600 Frauen und Männer waren hier untergebracht.

Ab 1933 wurden Erbkranke und geistig Behinderte dort zwangssterilisiert. 1941 wurden 80 von ihnen, darunter auch jüdische Pfleglinge, in der Gaskammer von Hadamar ermordet, weil ihr Leben den damaligen Machthabern als „unwert" galt. 1941 wurde in den Gebäuden ein Lazarett eingerichtet und etwa 220 Pfleglinge mussten in anderen Anstalten untergebracht werden, die wiederum selbst an der reichsweiten Tötungsaktion beteiligt waren. Das Schicksal dieser Heimbewohner ist unbekannt, sie gelten als verschollen (s. Standort Eberstadt).


Gedenkstätte Liberale Synagoge

In der Progromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 zerstörten die Nationalsozialisten die Liberale Synagoge, die nach dreijähriger Bauzeit nach einem Entwurf von Edmund Köhler errichtet und am 24. Februar 1876 eingeweiht wurde.

Die Überreste der Liberalen Synagoge wurden im Oktober 2003 bei Aushubarbeiten für den Neubau der Medizinischen Kliniken entdeckt. Heute erinnert auf dem Klinikgelände eine Erinnerungsstätte an die Liberale Synagoge.

Mehr Infos und Öffnungszeiten unter: www.darmstadt.de / Synagoge


Stolpersteine rund ums Klinikum-Gelände

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist“, so Gunter Demnig, der Künstler, der das Projekt „Stolpersteine“ inzwischen europaweit ausführt. Mit den Stolpersteinen – kleinen Gedenksteinen, die in den Bürgersteig vor den Häusern eingelassen werden – möchte er die Erinnerung lebendig halten an die Menschen, die einst dort wohnten und Opfer der Naziherrschaft wurden.

Auch die Wissenschaftsstadt Darmstadt beteiligt sich seit 2005 an dieser Form der Erinnerungsarbeit. Im Darmstädter Stadtplan sind die Verlegestellen der Stolpersteine markiert und mit Namen hinterlegt (Suchbegriff "Stolpersteine"). So liegen in Darmstadt, Arheilgen und Eberstadt knapp 300 Gedenksteine (Stand 2016).

Auch im direkten Umfeld des heutigen Klinikumsgeländes zwischen Grafen-, Bleich-, Kasino- und Bismarckstraße sind zehn Stolpersteine verlegt worden: Sie erinnern an Anna Reis, Familie Lehmann, Anita Frank, Familie Callmann und Familie Oestreicher.

Zu einigen Stolpersteinen haben Engagierte Lebensläufe recherchiert - diese sind für Interessierte und gegen das Vergessen zum großen Teil auch im Digitalen Stadtplan hinterlegt.

Direktlink: Stolpersteine im Digitalen Stadtplan

Stolpersteine Familie Lehmann, Bismarckstraße. Foto: Ulrike Schüttler

Familie Lehmann: Vier Stolpersteine für Hildegard, Flora, Gertrud und Hermann Felix Lehmann

Thomas Schmirler, aktiv in der Aktion Stolpersteine, hat das Schicksal der Familie Lehmann recherchiert. Das Ehepaar Lehmann ist mit seinen Töchtern umgebracht worden. Die vier Erinnerungssteine liegen in der Bismarckstraße 56.

Mit freundlicher Genehmigung zitieren wir aus seinen Rechercheergebnissen: 

"Unter den Darmstädter Bürgern, die ein Kleingewerbe betrieben, befand sich Familie Lehmannn.

Hermann Felix Lehmann wurde am 19. Januar 1889 als Sohn eines Darmhändlers in Weiterstadt geboren.

Mit 31 Jahren heiratete er 1920 die fünf Jahre jüngere Flora Salomon, gebürtig aus Beerfelden. 

Herr Lehmann übernahm den Betrieb seines Vaters  und kaufte im Jahr der Hochzeit ein Anwesen in der Bismarckstrasse 56. Es bestand aus einem 3-stöckigem Wohnhaus und zwei Nebengebäuden mit einem kleinen Verkaufsraum, in dem Herr Lehmann sein Gewerbe führte. 

Es war ein kleines aber gutgehendes Geschäft mit einem Angestellten, das jedoch keine Konkurrenz zu den anderen, größeren Betriebe in Darmstadt darstellte. Dennoch galt die Familie als wohlhabend und das Geschäft genoss bei der Kundschaft großes Vertrauen.

1921 und 1924 wurden die beiden Töchter Hildegard und Gertrud geboren. 

Aufgrund der NS-Boykott-Aufrufe gegen jüdische Geschäfte gingen in den 30er Jahren die Einkünfte zurück und kamen schließlich zum Erliegen. Der Familie wurde die materielle Grundlage gänzlich entzogen.

Als die Situation ausweglos wurde, und um weiterer Verfolgung zu entgehen, entschlossen sich die Lehmanns 1939 zur Flucht aus Deutschland.  

Das Anwesen wurde an die Darmstädter Handwerksfamilie Landzettel verkauft. Die sogenannte Judenvermögensabgabe von 20 Prozent des Besitzes und die Reichsfluchtsteuer für die mitgenommenen Einrichtungsgegenstände mussten vorher noch beglichen werden.

Die Flucht führte zuerst nach Maastricht, um dort ein Schiff der Holland-Amerika-Linie  in Richtung USA zu besteigen. Kurz nach Ankunft in Maastricht überfiel die deutsche Wehrmacht Holland. Aufgrund von Luftangriffen an der Küste verzögerte sich die Weiterreise und schließlich wurde das im Hafen liegende Schiff samt der bereits geladenen Habseligkeiten durch deutsche Flieger zerstört.

Am 26. August 1942 wurde die gesamte Familie in Maastricht verhaftet, in das holländische Lager Westerbork gebracht und zwei Tage später nach Auschwitz deportiert. Drei Tage nach Ankunft wurden die Eltern, Hermann Felix und Flora, und die  21-jährige Tochter Hildegard umgebracht. Die 18-jährige Tochter Gertrud wurde 18 Tage später ermordet." 

Quelle: HHStA Wiesbaden Entschädigungsakte 518 Nr. 46027 StaADa Melderegister

Weitere Recherchen finden Sie ebenfalls im Stadtatlas: Direktlink Recherche Anna Reis und Anita Frank