Taub und trotzdem hören

Klaus Michel (76) litt über 20 Jahre lang an Tinnitus und Schwerhörigkeit

Tagsüber trägt Klaus Michel das Implantat durchgehend. Nur in der Nacht nimmt er den Prozessor ab, um die Batterien auszutauschen.

Klaus Michel (76) aus Seeheim-Jugenheim bei Darmstadt litt nach mehreren Hörstürzen über 20 Jahre lang an Tinnitus und einer Schwerhörigkeit, die nahezu an Taubheit grenzte. Dank des Einsetzens zweier Implantate in der Hals-Nasen-Ohren –Klinik des Klinikums Darmstadt kann er heute wieder normal hören und sich sogar im Flüsterton mit seiner Enkelin verständigen.

Vor etwa 25 Jahren hatte Klaus Michel seinen ersten Hörsturz. „Zunächst fühlte sich alles an, als wäre ich innerhalb einer Sekunde auf die andere total verschnupft. Ich hatte noch nie etwas von einem Hörsturz gehört“, erinnert er sich. 14 Tage später bekam er den zweiten Hörsturz – verbunden mit einem starken Hörverlust und einem mörderischen Tinnitus.

Sein Gehör verschlechterte sich im Laufe der Zeit immer weiter, inzwischen plagten ihn mehrere Anfälle pro Woche. Hinzu kam die Diagnose Morbus Menière, eine Erkrankung des Innenohres, gekennzeichnet durch Schwindel, Verminderung des Hörvermögens und Phantomgeräusche. Sein Zustand grenzte nahezu an Taubheit. Klaus Michel bekam starke und teure Hörgeräte verordnet, die er ohne Probleme akzeptierte, die aber das Hören nicht unbedingt besser machten.

„Ich war auf das Mundabsehen angewiesen, Fernsehen konnte ich nur mit Untertiteln und Radio hören war nur mit technischen Hilfsmitteln möglich. Ich habe mich immer mehr zurückgezogen und jeden Kontakt mit fremden und auch bekannten Personen, wenn möglich, vermieden. Wenn ich unterwegs war und jemanden sah, der vielleicht mit mir reden wollte, bin ich auf die andere Straßenseite gewechselt. Das schlimmste für mich war jedoch meine Enkelin, die ich sehr liebe, aber immer enttäuschen musste, weil ich sie oft nicht verstanden habe.“

Erste leise Hoffnung: Das Cochlea Implantat

Im Sommer 2009 wurde Klaus Michel auf einen Vortrag des damals neuen Klinikdirektors Prof. Dr. Gerald Baier an der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohren Heilkunde am Klinikum Darmstadt über das Cochlea Implantat (CI) aufmerksam.

„Die Versorgung tauber oder resthöriger Patientinnen und Patienten mit einem Cochlea Implantat ist ein sensationeller Meilenstein in der Medizin, der vor über dreißig Jahren begann“, erklärt Prof. Baier. „Mit der Cochlea-Implantation ist es erstmalig möglich geworden, ein nicht mehr funktionstüchtiges Sinnesorgan vollständig zu ersetzen. Initial wurden ausschließlich vollständig taube Patientinnen und Patienten operiert. Die Ergebnisse waren derart beeindruckend, dass die Indikation über die Jahre – nach weiterem wissenschaftlichem Erkenntnisgewinn – auch auf resthörige Patientinnen und Patienten ausgedehnt wurde, die auch mit besten Hochleistungshörgeräten kein ausreichendes Sprachverständnis mehr erzielen konnten.“

Voller Erwartungen hat Klaus Michel diesen Vortrag besucht, um sich über den Stand der Technik zu informieren, sowie die Erfolgsaussichten nach der Operation zu erfahren. Es wurden Möglichkeiten und Grenzen, die Funktionsweise, das operative Vorgehen, die notwendige Nachsorge sowie die unterschiedlichen Fabrikate und technischen Besonderheiten angesprochen. Auch konnte er Betroffene über ihre Erfahrungen mit dem CI befragen, was für ihn sehr wichtig war.

Vier Wochen später hatte Klaus Michel ein längeres Gespräch mit Prof. Dr. Baier, der nach Betrachten seines mitgebrachten Hör-Diagramms zu einem Cochlea-Implantat riet. In Voruntersuchungen wurde noch einmal bestätigt, dass alle Voraussetzungen für eine Implantation gegeben waren. Nach zügiger Genehmigung seiner Krankenkasse bekam er einen Termin für Ende Oktober 2009. Klaus Michel hatte sich zunächst für das rechte Ohr entschieden.

„Bis zur Operation und auch in der Nacht vor der OP plagten mich große Zweifel, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ich hatte Angst vor dem neuen Hören und auch davor, mein Restgehör zu verlieren, auch wenn es mir eigentlich sowieso nichts mehr brachte. Ich steckte große Hoffnungen in das CI, hatte aber gleichzeitig Angst, dass meine Erwartungen nicht erfüllt werden könnten, ich wünschte mir vor allem, bessere Kommunikationsmöglichkeiten in Gruppen-Situationen und bei Störgeräuschen, weniger Erschöpfung durch Zuhören und keine Angst mehr angesprochen zu werden.“

Die Zeit nach der Operation

Die von Prof. Dr. Baier durchgeführte OP verlief sehr gut, die Elektrode konnte bei Klaus Michel vollständig in die Hörschnecke eingeführt werden. Nach acht Tagen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. „Die nächsten vier Wochen waren sehr schwierige Wochen für mich und meine Familie. Rechts hörte ich jetzt gar nichts mehr und links, vorsichtig ausgedrückt, nur noch sehr wenig und ich konnte es kaum erwarten, dass das CI eingeschaltet wurde.“

Ende November 2009 war es dann soweit: Klaus Michel hatte seine Erstanpassung. Zuerst wurde ein Probe-Ton abgespielt, anschließend wurden die zwölf Elektroden des Implantats eingestellt und der Sprachprozessor eingeschaltet. Nach der dritten Einstellung konnte er schon die Audiologin hören, nach der sechsten Anpassung am Folgetag hat er fast alles ohne Anstrengung verstanden. „Obwohl alles noch sehr elektronisch und unwirklich klang, war es ein tolles Gefühl. Ich führte das erste Telefonat mit meiner Frau mit meinem Handy ohne Hilfsmittel. Wenn ich nicht hundertprozentig sicher gewesen wäre, die richtige Nummer gewählt zu haben, dann hätte ich gedacht, es wäre jemand anderes am Telefon. Die Stimme klang doch sehr fremd.“ Das schönste für Klaus Michel war jedoch die Situation, als er seine Enkelin endlich wieder hören konnte: „Opa, jetzt kann ich dir endlich ins Ohr flüstern!“ Auch die Werte beim Hörtest erzielten schon hervorragende Werte. Nach einigen Tagen hörte sich für ihn das meiste schon normal an und er nahm viele neue Geräusche wahr, die er schon lange nicht mehr kannte: „Wir wohnen direkt am Wald mit vielen Vögeln. Es war wunderbar all diese Geräusche zu hören, die etwas vollkommen Neues für mich waren. Insgesamt ging bei mir die Umstellung sehr schnell und problemlos. Ich habe da sicher großes Glück gehabt.“

Nach dem Anstellen des Implantats war sogar der Tinnitus, der ihn jahrelang gepeinigt hatte, auf diesem Ohr total verschwunden. „Ich habe dies aber erst nach drei Tagen festgestellt, da meine Euphorie über das neue Hören so groß war, dass ich das erst gar nicht bemerkt habe.“

Auf beiden Ohren wieder hören

Nach den hervorragenden Ergebnissen der ersten Implantation war für Klaus Michel die Entscheidung für ein zweites Cochlea-Implantat gefallen. Nach Genehmigung durch die Krankenkasse wurde ihm rund ein Jahr später auch auf dem linken Ohr ein CI durch Prof. Baier implantiert. „Der Erfolg auf diesem Ohr zu hören, ging noch schneller als auf dem rechten Ohr und es ist wunderbar, wieder auf beiden Ohren fast normal zu hören“, erzählt er. „Ich bin Prof. Dr. Baier, seinem Ärzte- und Pflegeteam sowie den Audiologinnen und der Logopädin sehr, sehr dankbar. Sie alle haben mich immer bis zum heutigen Tag hervorragend betreut, mir geholfen, meine Ängste, am Anfang auch starke Zweifel und Besorgnisse, zu nehmen und die Implantate mit unendlicher Geduld so eingestellt, dass ich wieder optimal hören kann. Sie haben mir mein normales Leben wieder zurückgegeben.“

Für Prof. Dr. Baier ist diese Geschichte kein Einzelfall: „Die Patientengeschichte von Herrn Michel gibt eindrucksvoll den typischen Leidensweg eines aufgrund seiner fortschreitenden Schwerhörigkeit zunehmend vom Leben ausgegrenzten Menschen wider. Und natürlich werden solchermaßen von einer Sinneswahrnehmung isolierte Patientinnen und Patienten auch von an sich irrationalen Sorgen und Ängsten vor einer Implantationsoperation gequält.“

Heute steht Klaus Michel für hochgradig schwerhörige oder taube Patientinnen und Patienten, die aus Angst vor der Operation Zweifel haben, als kompetenter Ansprechpartner zur Verfügung.

„Mit der Unterstützung von Herrn Michel konnte ich so bei zahlreichen „Zweiflern“ die Ressentiments auflösen und schließlich deren Versorgung mit einem CI überaus erfolgreich durchführen. An dieser Stelle daher ein herzliches Dankeschön an Herrn Michel, der dazu beigetragen hat, dass die Leidensgeschichte gleichartig Betroffener durch seine Hilfe deutlich kürzer gehalten werden konnte als seine eigene. Ich würde mich sehr freuen, wenn aufgrund dieser persönlichen Geschichte von Herrn Michel ähnlich Betroffene ihre Ängste überwinden und sich entscheiden, sich bei mir zur Beratung für eine Cochlea Implantation vorzustellen.“

Kontakt Klinikum Darmstadt

Klinik für HNO-Heilkunde,
Kopf-, Hals- und plastische Gesichtschirurgie
Prof. Dr. Gerald Baier
Heidelberger Landstraße 379
64297 Darmstadt-Eberstadt

Tel.: 06151 - 107 4201
E-Mail: hno@mail.klinikum-darmstadt.de
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