Mit "Bierkästchen" und Bike in den USA

Dass Karin Nauheim einmal wieder Motorrad fahren könnte – danach sah es erst einmal gar nicht aus. Bei einem Skiunfall brach sie sich den 12. Brustwirbel und stand kurz vor einer Querschnittslähmung.

Mit 66 Jahren hat sich Karin Nauheim einen Traum erfüllt: Sie war mit ihrer eigenen Harley-Davidson sechs Wochen – oder 9.400 Kilometer – in den USA unterwegs. Die Tour führte sie und ihren Ehemann Eberhard durch zwölf Staaten.  Dass sie einmal wieder auf ihrem Motorrad sitzen und auf ihr unterwegs sein kann, danach sah es eine Weile gar nicht aus. 

Karin Nauheim

Am ersten Tag ihres Skiurlaubs 2012 hebelte sie ein Snowboard-Fahrer aus dem Lift. „Ich bin mit in einem hohen Bogen und mit einem großen Knall auf dem Boden aufgekommen“, erinnert sie sich heute. Mit einer schweren Prellung im Kniegelenk fuhr Karin Nauheim den 2000 Meter hohen Berg noch hinunter. Erklären kann sie sich das nur so: „Ich war wohl voller Adrenalin“. Im Hotel angekommen fiel sie vor Schmerzen in Ohnmacht: „Es war die Hölle“.  

Ein Unfallarzt dort vor Ort verordnete ihr Ruhe und verband das Knie. Nach drei Tagen waren die Schmerzen so stark, im Stehen, im Liegen, beim Sitzen, dass sie eine Sportmedizinische Tagesklinik aufsuchte. „Eberhard, da stimmt was nicht.“ Was nicht stimmte, das entdeckte der Sportmediziner bei einer Röntgenaufnahme: der 12. Brustwirbel war gebrochen. Da die Klinik nicht über ein MRT verfügte, riet der Arzt dem Ehemann, seine Frau mit dem Auto nach Hause zu bringen.  

„Ich habe ganz viele Schutzengel gehabt“  

In Darmstadt angekommen war der Schreck groß: „Ich war so kurz vor einer Querschnittslähmung“. Zeigefinger und Daumen von Karin Nauheim sind zwei Millimeter voneinander entfernt. Niemals hätte Karin Nauheim im Auto transportiert werden dürfen: „Ich habe ganz viele Schutzengel gehabt“, sagt sie. „Und dann Prof. Wild.“  

Prof. Michael Wild, Direktor der Chirurgischen Klinik II – Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Darmstadt hat Karin Nauheim einen neuen Wirbel eingesetzt. „Sieht aus wie ein Mini-Bierkästchen“, sagt Nauheim. „Ich habe mich in der CII immer sehr gut aufgehoben gefühlt. Das gesamte Rund-um-Paket hat gestimmt, medizinisch und pflegerisch.“ Das Beste aber war für Karin Nauheim: „Prof. Wild versprach mir, dass ich wieder meine Harley fahren kann.“  

Erst mit 55 Jahren hat Karin Nauheim ihren Motorrad-Führerschein gemacht, nachdem sie zwanzig Jahre lang nur als Beifahrerin unterwegs war. „Zierliche Frauen auf dicken Maschinen, das fand ich immer klasse“, schwärmt die blonde Frau schmunzelnd. Drei Jahre nach dem Führerschein-Erwerb war sie mit drei Freundinnen und ihren Maschinen auf Nordlandtour in Finnland, Schweden und Norwegen unterwegs.  

Ihr Traum wurde wahr: Beweisfotos aus den USA  

Im Dezember 2014 erhielt Prof. Wild von Karin Nauheim Post: „Nun endlich möchte ich mich nochmals herzlichst bei Ihnen bedanken für die super!!! gelungene OP 2012 mit dem von Ihnen eingesetzten "Bierkästchen". Sie hatten mir damals versprochen, dass ich wieder meine Harley fahren könnte. Nun, hier schicke ich Ihnen ein paar Bilder von einem traumhaften 6-wöchigen USA-Trip mit den Bikes durch 12 Staaten (9.400 km) - ich hatte mir meine Harley rüberfliegen lassen, da ich dieses Gefühl, auf der eigenen Harley durch die Staaten, gerne mal erleben wollte. Mehrmals habe ich Ihnen in Gedanken (und natürlich mein Mann auch!!) gedankt, dass Sie es möglich gemacht haben, diesen Traum von mir zu verwirklichen.“    

Prof. Michael Wild beschreibt den Unfall und die Genesung von Karin Nauheim so: „Karin Nauheim zog sich 2012 bei einem Sturz aus dem Skilift einen kompletten Berstungsbruch des 12. Brustwirbelkörpers zu. Aufgrund der Tatsache, dass auch die Hinterkante des Wirbelkörpers frakturiert war und Knochenfragmente bis in den Rückenmarkskanal reichten, hatte sie Glück, dass Sie bei der Wirbelsäulenverletzung keine Querschnittslähmung erlitten hat. Nichtsdestotrotz hatte Sie sich eine instabile Wirbelkörperfraktur zugezogen, die dringend stabilisiert werden musste.

Wirbelersatz: Das „Bierkästchen“  

Wir führten daraufhin zunächst über vier kleine Stichinzisionen am Rücken eine minimalinvasive Aufrichtung und Stabilisierung des 12. Brustwirbelkörpers durch, um ein weiteres Zusammenbrechen des Wirbelkörpers zu verhindern und um die Patientin mobilisieren zu können. Nach einigen Wochen, in denen sich Karin Nauheim zunächst von der Verletzung und der ersten Operation erholen konnte, erfolgte in einer zweiten Operation von vorne die komplette Entfernung des völlig zerstörten 12. Brustwirbelkörpers und dessen Ersatz mit einem expandierbarem kastenförmigem Titan-Wirbelkörperkäfig – dem „Bierkästchen“.  

Zusätzlich wurde zur Erreichung einer höheren Stabilität auch noch eine Platte eingebracht. Im weiteren Heilungsverlauf zeigte sich ein problemloses Einheilen des Wirbelkörperersatzes, so dass einer längeren Reise durch die USA auf dem Motorrad nichts entgegenstand.   Prinzipiell ist es im Falle eines guten Einheilens des Wirbelkörperersatzes auch nach solch einer schweren Verletzung möglich seine alte Leistungsfähigkeit wieder zu erreichen. Gerade die unfallbedingten Verletzungen der Wirbelsäule sind prognostisch meist günstiger, als degenerative Erkrankungen der Wirbelsäule, deren Ergebnis nicht immer vorhersehbar ist.  

Begleitende Therapie gegen Osteoporose  

Bedauerlicherweise hat sich Karin Nauheim nach einem erneuten Sturz im Mai 2015 eine frische Fraktur des 3. Lendenwirbelkörpers zugezogen. Der damals in unserer Klinik implantierte Wirbelkörperersatz und die eingebrachten Implantate haben trotz des erneuten Sturzes standgehalten, was für die Stabilität und die gute Einheilung des Wirbelkörperersatzes spricht. Glücklicherweise ist die neu aufgetretene Fraktur des dritten Wirbelkörpers weniger ausgeprägt, als die damalige Fraktur des 12. Brustwirbelkörpers, so dass die alleinige minimalinvasive Stabilisierung des gebrochenen Wirbelkörpers ausreichend ist und dieser nicht ersetzt werden muss.  

Sicherlich haben wenige Patienten so viel Pech wie Karin Nauheim. Trotzdem trägt sie ihr Schicksal tapfer und ist voller Zuversicht bezüglich ihrer Gesundung.   Ursächlich für die beiden Wirbelkörperbrüche sind sicherlich die erlittenen Stürze, wobei eine begleitende Osteoporose, die bis zum ersten Unfall nicht bekannt war, einen wichtigen Co-Faktor bei der Entstehung der Verletzungen gebildet hat. Schon im Rahmen der ersten Wirbelkörperfraktur wurde daher von uns eine entsprechende Therapie mit Bisphosphonaten, Calcium und Vitamin D eingeleitet. Allerdings dauert es einige Jahre bis unter dieser Therapie die Knochenmasse wieder zunimmt und die Knochenstabilität sich verbessert. Gerade bei der noch relativ jungen Patientin steht die Prophylaxe weiterer Brüche aber im Vordergrund.  

Trotz aller technischen Fortschritte in der Wirbelsäulenchirurgie ist die Mitarbeit eines Patienten nach einer solch schweren Operation essentiell und für den endgültigen Therapieerfolg entscheidend. Karin Nauheim ist ein Paradebeispiel dafür, was bei einer optimistischen Einstellung und einer sehr guten Motivation auch nach schweren Verletzungen erreicht werden kann.“  

Kontakt:

Klinikum Darmstadt
Chirurgische Klinik II – Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie
Prof. Dr. med. Michael Wild
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E-Mail: michael.wild@mail.klinikum-darmstadt.de

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