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Akuter Schmerz zeigt uns, dass wir uns schonen müssen

Gesundheitstipp von Dr. Matthias Sebastian Wittayer, Assistenzarzt in der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie

Schmerzen sind sicherlich einer der häufigsten Gründe, sich in ärztliche Behandlung zu begeben. Dies spiegelt sich auch immer wieder in den jährlichen Berichten der Konsultationsgründe von Ärzt*innen wider, welche von den gesetzlichen Krankenkassen veröffentlicht werden.

Auch wenn Schmerz primär für Patient*innen unangenehm ist, ist er eine wichtige Wahrnehmung, die dem Körper anzeigt, dass er rasten muss um einen Schaden an seinem Gewebe zu heilen. Im Rahmen akuter Schmerzen, zum Beispiel bei einer Verletzung ist dies sinnvoll und wichtig.

Die Therapie besteht hierbei häufig aus der zeitlich begrenzten Verabreichung von Schmerzmitteln, die einem Stufenschema folgt, welches eine der Stärke der Schmerzen angepasste Therapie vorsieht. Wenn die Schmerzen durch ein vorübergehendes Ereignis wie zum Beispiel eine Verletzung oder eine Operation hervorgerufen werden, ist deren Anwendung unter regelmäßiger ärztlicher Kontrolle in der Regel gut wirksam und gut verträglich.  Gleichzeitig ist es jedoch auch schon bei akuten Schmerzen wichtig, eine gesunde Aktivität in den betroffenen Bereichen wiederherzustellen. Hierfür sind je nach Umfang der auslösenden Verletzung oder Operation und je nach Zustand des Patienten/ der Patientin eine ambulante Physio- und Ergotherapie oder sogar eine medizinische Rehabilitationsmaßnahme sinnvoll, um einer Fehlbelastung durch Schonung und damit einer Chronifizierung von Schmerzen vorzubeugen.

Das Problem mit den Schmerzmitteln auf die lange Sicht  

Sollten die Schmerzen jedoch von einem Problem her rühren, welches nicht einem Heilungsprozess unterliegt und eine dauerhafte Medikamenteneinnahme der klassischen Schmerzmittel notwendig machen würde, überwiegen auf lange Sicht häufig die Nebenwirkungen der klassischen Schmerzmittel deren Vorteilen, insbesondere, da diese häufig in steigender Dosis eingenommen werden müssen. Neben häufigen Problemen mit Leber, Niere und dem Magen- Darm- Trakt tritt insbesondere bei Opioiden, welche bei starken Schmerzen eingesetzt werden, häufig ein Gewöhnungseffekt ein: so sorgte in den USA  in den vergangenen Jahren die „Opioidkrise“ für Schlagzeilen: Es kommt zu einer hohen Zahl von Todesfällen durch Überdosierungen von Opioiden, welche in den meisten Fällen zumindest anfänglich von einem Arzt zur Bekämpfung von Schmerzen verschrieben worden waren. Auch in Deutschland werden jährlich rund ein Prozent der gesetzlich Krankenversicherten über mindestens drei Quartale mit Opioiden behandelt. Eine solche Langezeittherapie mit Opioiden für chronische nicht- tumorbedingte Schmerzen (LONTS) sollte nur unter regelmäßiger Aufsicht eines Arztes erfolgen.  Seit Jahren kennt man zum Beispiel auch das Phänomen des Medikamentenübergebrauchskopfschmerzes. Hier wird durch die häufige Einnahme von Schmerzmitteln bei Kopfschmerzerkrankungen wie Migräne oder Spannungskopfschmerz die Kopfschmerzsymptomatik verschlimmert. Dieser Medikamentenübergebrauchskopfschmerz ist dann in der Regel schwer zu behandeln. 

Chronischer Schmerz ist anders

Im Falle einer chronischen Schmerzerkrankung, die keinem Heilungsprozess unterliegt kommt es zu einer Entkoppelung der Schmerzwahrnehmung von seinem tatsächlichen gewebeschonenden Mechanismus mit Warncharakter.

Dabei sind seine Auswirkungen auf die Aktivität und das vegetative Nervensystem die Gleichen: Der Schmerz kann sich lähmend auf Körper und Psyche auswirken. Er führt zu einem Kreislauf aus Schonhaltung, muskuloskelettaler Fehlbelastung und noch mehr Schmerz. Es bildet sich ein „Schmerzgedächtnis“, welches sich auf verschiedenen neuronalen Stufen des kompliziert regulierten Schmerzsystems „einbrennt“. Dieser Kreislauf zieht im Rahmen chronischer Schmerzerkrankungen regelhaft weitreichende Folgen für das Sozialleben und die mentale Gesundheit nach sich. 

Der Schmerz ist nicht mehr ein Symptom einer Krankheit, sondern die Krankheit selbst.

Entsprechend anders sieht auch die Behandlung des chronischen Schmerzes aus:

Statt der klassischen „Schmerzmittel“ setzen Ärzte hier häufig sogenannte Coanalgetika ein, die häufig eigentlich Medikamente gegen Depressionen oder Epilepsie sind, auf die Nervenaktivität an sich wirken und in der Langezeitanwendung häufig weniger Probleme verursachen, als die klassischen Schmerzmittel. Bei sogenannten neuropathischen Schmerzen aufgrund von Nervenschädigungen, zum Beispiel im Rahmen eines Diabetes mellitus sind diese Medikamente auch in der Akuttherapie unumgänglich.

Bei chronischen Schmerzen spielen zudem nicht medikamentöse Maßnahmen eine entscheidende Rolle. Diese erfolgen in der Regel im Rahmen eines multimethodalen multiprofessionellen Settings. Hierbei spielen Physio- und Ergotherapie, Psychotherapie und  Psychoedukation oft eine wichtigere Rolle als Medikamente.

Durch Entwicklung eines achtsamen Körperbewusstseins werden pathologische sekundäre Schmerzmechanismen für die Patient*innen spürbar und es kann eine gesunde körperliche Aktivität wiederaufgebaut werden.

Ziel der Therapie ist es, Patient*innen zu helfen trotz Schmerzerkrankung eine Teilhabe am sozialen Leben und eine Bewältigung des Alltags ohne Überlastungserleben zu realisieren.

Deutliche Versorgungslücken für Millionen Patient*innen

Leider ist die Versorgungslandschaft für Angebote multimodaler Schmerztherapie für Patient*innen mit chronischen Schmerzen in Deutschland weiterhin schlecht, wie die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI)  anlässlich des letztjährigen „Aktionstages gegen Schmerz“ berichtete, nicht zuletzt, weil der hohe Aufwand der langfristigen und multimethodalen Therapie sich nicht in einer entsprechenden Vergütung widerspiegelt. Die DGAI sieht hier den Gesetzgeber und die Kostenträger in der Pflicht, Rahmenbedingungen zu schaffen um den Patient*innen ein adäquates Therapieangebot unterbreiten zu können.