Wenn das Gehirn gekühlt wird

Dank heilsamen Kälteschlaf zurück ins Leben

Karsten Becker kann heute wieder nahezu beschwerdefrei mit seiner Lebensgefährtin spazieren gehen

Als Karsten Becker* (54 Jahre, *Name von der Redaktion geändert) aus Griesheim am 18. Mai 2017 ohne Vorwarnung und ohne Beschwerden in seiner Wohnung einfach umfällt, stürzt und nach kurzer Bewusstlosigkeit wieder wach wird, ist für ihn klar: Das muss ein Schlaganfall gewesen sein! Da er alleine zuhause ist, wählt er sofort den Notruf über die 112. Auf wackeligen Beinen, mit Kopfschmerzen und Übelkeit wird er auf direktem Weg in die Notaufnahme des Klinikums Darmstadt gebracht. „Im Krankenwagen habe ich noch meine Lebensgefährtin angerufen, an mehr kann ich mich nicht mehr erinnern“, schildert er.

Im Klinikum angekommen, fällt der Verdacht aufgrund der typischen Schilderung mit „stärkste Kopfschmerzen wie noch nie“ jedoch nicht auf einen Schlaganfall. Es wird umgehend eine Computertomographie des Gehirns angefertigt, um eine sogenannte Subarachnoidalblutung (SAB) zu bestätigen oder auszuschließen, erklärt Prof. Dr. Rainer Kollmar, Direktor der Klinik für Neurologie und Neurointensivmedizin. „Bei einer SAB handelt es sich um eine Blutung im Schädel, die in aller Regel durch das Platzen von Aneurysmen der Hirnbasisarterien verursacht wird. Typischerweise kommt es bei der Blutung zu einem Vernichtungskopfschmerz mit oder ohne neurologische Ausfallsymptome.“

Die Computertomographie und anschließende Gefäßdarstellung mittels Angiographie zeigt sehr schnell, dass es sich bei Herrn Becker tatsächlich um eine solche Blutung handelt. „In diesem Fall muss das Aneurysma möglichst zügig verschlossen werden, da eine mögliche Nachblutung eine akute lebensbedrohliche Situation darstellt“, so Prof. Kollmar.

Die Ärzte entscheiden sich umgehend für einen interventionellen Eingriff, dem sogenannten Coiling – eine Methode, die seit 2015 am Klinikum Darmstadt durchgeführt wird. Dabei wird das Aneurysma ohne Eröffnung des Kopfes mittels feinster Platinspiralen (Coils) quasi ausgestopft. Die Coils werden mit einem Gefäßkatheter über Aorta, Halsarterie und Kopfarterie in Teleskoptechnik ins Aneurysma eingebracht – mit dem Ziel, den Blutstrom zu stoppen und die Blutungsgefahr damit zu beseitigen. 

Kälteschlaf auf der Neurologischen Intensivstation

Bei Karsten Becker kommt es darüber hinaus zu lebensbedrohlichen Vasospasmen, einer Art plötzlicher Verengung eines blutführenden Gefäßes, welche auf der neurologischen Intensivstation durch mehrfache tägliche Ultraschallmessungen festgestellt werden können. Da die übliche Therapie bei Vasospasmen nicht ausreicht, um den Patienten vor Schlaganfällen zu schützen, wird regelmäßig mit einem Katheter in den Hirngefäßen eine sogenannte Spasmolyse durchgeführt. Dabei wird ein Medikament über Mikrokatheter direkt am Hirngefäß verabreicht. Der Erfolg lässt sich sehr schnell nachweisen, ist aber häufig nicht von Dauer. 

Aus diesem Grund wird Herr Becker zusätzlich im künstlichen Koma gekühlt. Prof. Kollmar begründet die Therapie so: „Das Prinzip der Hypothermie beruht auf vielen schützenden Faktoren. Wir reduzieren die Körper- und damit Gehirntemperatur auf bis zu 33°C durch Gabe kalter Infusionen und exakt zu steuernder aufklebbarer Pads. Das therapeutische Kühlen senkt den Sauerstoffbedarf des Gehirns um 50 Prozent und versetzt es somit in eine Art Winterschlaf, in der alle Stoffwechselvorgänge verlangsamt ablaufen. Dieser Kälteschlaf schützt also das Gehirn in der besonders verwundbaren Phase.“

Herr Becker kann sich an all das nur sehr wenig erinnern und lässt sich die Ereignisse auf der Intensivstation immer wieder von seiner Lebensgefährtin schildern, die ihn täglich besucht und für ihn da ist – zu einer Zeit, in der noch nicht abzusehen ist, in welchem Zustand er wieder erwachen wird. 

Aus dem Koma zurück

Nach sieben Tagen wird Karsten Becker extrem langsam mit einer Rate von 0,05 Grad °C pro Stunde wiedererwärmt und aus dem Koma geholt – ohne eine körperliche Behinderung davon zu tragen. Dank einem optimalen Zusammenspiel aus neurologischer, neurochirurgischer und neuroradiologischer Expertise erholt er sich zügig und kann nach sieben Wochen Krankenhausaufenthalt zur Reha entlassen werden. 

Nach der Rehabilitationsbehandlung bestehen bei Herrn Becker glücklicherweise keine neurologischen Ausfälle mehr, so dass er nun zurück ins normale Leben gefunden hat. „Ich bin allen Ärzten und Pflegekräften extrem dankbar für diese hervorragende Arbeit, ohne die ich heute nicht mehr am Leben wäre. Es liegt noch ein längerer Weg vor mir, bis mein Körper wieder vollständig fit ist und ich werde weiterhin engmaschig überwacht, aber ich fühle mich in den besten Händen,“ bestätigt Karsten Becker zufrieden.

Prof. Kollmar, der mit dieser neuartigen Methode bisher etwa 20 SAB-Patienten erfolgreich therapiert hat, freut sich über diesen glücklichen Verlauf: „Die Entwicklung von Herrn Becker ist kein Einzelfall und zeigt die mögliche Wirksamkeit der Hypothermie und zielgerichteter neurologischer Intensivmedizin.“

Kontakt:

Klinik für Neurologie und Neurointensivmedizin
Prof. Dr. Rainer Kollmar
Grafenstraße 9
64283 Darmstadt
Tel.: 06151 / 107 - 4501
E-Mail: neurol.klinik@mail.klinikum-darmstadt.de

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