Das Klinikum Darmstadt begrüßt die vom Bundestag beschlossene Reform der Notfallversorgung ausdrücklich. „Ich freue mich sehr, dass diese Reform jetzt endlich auf den Weg gebracht wird. Sie ist längst überfällig und ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung“, sagt Dr. Peter Petersen, Direktor der Klinik für Akut- und Notfallmedizin, der seit 22 Jahren in leitender Position in der Notfallmedizin tätig ist. „Der Gesetzgeber hat erkannt, wo die Probleme liegen, und handelt. Das verdient ausdrücklich Anerkennung. Dass an einzelnen Stellen noch nachgebessert werden muss, ist bei einer Reform dieser Größenordnung nicht ungewöhnlich.“
Besonders positiv bewertet Petersen die geplante bessere Vernetzung der Notrufnummern 112 und 116117, die Stärkung der medizinischen Versorgung vor Ort sowie den Ausbau von Telemedizin und digitalen Angeboten. Auch die Einrichtung integrierter Notfallzentren (INZ), in denen Krankenhausnotaufnahmen und ärztlicher Bereitschaftsdienst enger zusammenarbeiten, sei der richtige Weg.
Darmstadt zeigt bereits heute, wie gute Zusammenarbeit funktioniert
Am Klinikum Darmstadt arbeiten die Zentrale Notaufnahme (ZNA) und der Ärztliche Bereitschaftsdienst (ÄBD) seit Jahren eng und reibungslos zusammen. Über einen gemeinsamen Tresen werden Patientinnen und Patienten entsprechend ihrem Behandlungsbedarf in die richtige Versorgungsstruktur geleitet. „Wir sind hier in Darmstadt bereits sehr weit und gehören in Hessen zu den Vorreitern. Die Zusammenarbeit mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst funktioniert hervorragend und völlig geräuschlos. Unser gemeinsamer Tresen wird von den Patientinnen und Patienten sehr gut angenommen – wir haben hier ein funktionierendes INZ light“, betont Petersen. Die Zahlen zeigen zugleich den enormen Versorgungsbedarf: Bis zum Jahresende rechnet das Klinikum mit rund 55.000 Patientinnen und Patienten in der Zentralen Notaufnahme und weiteren 36.000 im Ärztlichen Bereitschaftsdienst. Insgesamt sind das mehr als 90.000 Patientenkontakte – eine deutliche Steigerung.
Nachbesserungsbedarf bei Öffnungszeiten und Bürokratie
Kritisch sieht Petersen insbesondere die vorgesehenen Öffnungszeiten und organisatorischen Anforderungen. Während der Ärztliche Bereitschaftsdienst am Klinikum Darmstadt bis Mitternacht zur Verfügung steht, sieht die Reform für die bundesweite Mindestverfügbarkeit am Abend lediglich eine Versorgung bis 21 Uhr vor. „Das reicht aus unserer Sicht nicht aus. Gerade in den Abendstunden brauchen wir verlässliche ambulante Versorgungsangebote, damit nicht noch mehr Patientinnen und Patienten in den Notaufnahmen landen.“
Auch die vorgesehenen zusätzlichen Leitungs- und Personalstrukturen für integrierte Notfallzentren sieht Petersen kritisch: „Wir sollten funktionierende Kooperationen stärken, statt neue bürokratische Strukturen aufzubauen. Entscheidend ist, dass Patientinnen und Patienten schnell die richtige Versorgung erhalten.“ Kritisch bewertet Petersen zudem, dass die Reform die Vielzahl der Rettungsleitstellen nicht grundsätzlich angeht. Hier sieht er weiterhin erhebliches Potenzial für effizientere Strukturen. Auch die mit der Reform verbundenen Einsparerwartungen hält er für zu optimistisch.
Mehr Gesundheitskompetenz von klein auf
Ein grundsätzliches Problem bleibt aus seiner Sicht die mangelnde Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung. „Wir müssen viel früher vermitteln, was ein medizinischer Notfall ist und wann die hausärztliche oder ambulante Versorgung der richtige Weg ist. Gesundheitsbildung gehört schon in die Grundschule. Nicht jede kleinere Verletzung und nicht jedes Unwohlsein ist ein Fall für die Notaufnahme. Auch der richtige sofortige Umgang mit akuten Notfällen will gelernt sein. Hier ist die Etablierung von Kursen zur Wiederbelebung (Reanimation) in den Schulen ganz wichtig.“
Sicherheit in der Notaufnahme: Deeskalation zeigt Wirkung
Ein weiteres wichtiges Thema ist die Sicherheit der Beschäftigten. Das Klinikum Darmstadt setzt inzwischen täglich zwischen 16 und 24 Uhr Sicherheitspersonal in der Zentralen Notaufnahme ein. „Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht. Wir haben Mitarbeitende im Sicherheitsdienst gefunden, die nicht nur für Sicherheit sorgen, sondern vor allem deeskalierend wirken. Die Zahl der Übergriffe ist zurückgegangen und das Sicherheitsgefühl gestiegen“, berichtet Petersen.
Reform als Chance für eine bessere Notfallversorgung
Sein Fazit fällt trotz der Kritik eindeutig positiv aus: „Wir brauchen diese Reform dringend. Sie schafft die Grundlage für eine bessere Steuerung der Patientinnen und Patienten, eine engere Zusammenarbeit der Versorgungsbereiche und einen sinnvolleren Einsatz unserer Ressourcen. Jetzt kommt es darauf an, das Gesetz praxistauglich auszugestalten und die Erfahrungen derjenigen einzubeziehen, die jeden Tag Notfallversorgung leisten.“

