Lange Zeit galt der Begriff „Pseudotumor cerebri“ als medizinische Erklärung für bestimmte Formen von Kopfschmerzen, Sehstörungen und Druckgefühl im Kopf. Wörtlich übersetzt bedeutet er „falscher Hirntumor“. Doch mit einem Tumor hat die Erkrankung nichts zu tun – der Name war und ist irreführend.
Heute wissen wir, was hinter dieser Krankheit steckt: Es handelt sich um eine Abflussstörung des Blutes aus den großen venösen Blutleiter im Kopf. Damit verbunden ist gleichzeitig eine verminderte Ableitung des Hirnnervenwassers (Liquor). Das Hirnnervenwasser wird über die sog. Pacchioni Granulationen in die venösen Blutleiter geleitet. Pacchioni Granulationen sind schwammartige „Ventile“ an der Innenseite der harten Hirnhaut (Dura), über die das Nervenwasser in die venösen Blutleiter (Sinus durae matris) abfließt. Damit dieser unidirektionale Liquorfluss funktioniert, ist ein Druckgefälle vom Hirnnervenwasserraum zum venösen Sinus von nur 3 – 5 mmHg nötig. Wir dieses Druckgefälle gestört, z. B. durch eine Einengung des venösen Blutleiters (venöse Sinus-Stenose) steigt der Druck im Schädelinneren und führt zu den die typischen Beschwerden (Abb. 1).

Deshalb sprechen Fachleute inzwischen vom Chronischen intrakraniellen venösen Hypertonie-Syndrom, kurz CIVHS.
Typische Symptome
Typische Symptome des CIVHS sind:
- Kopfschmerzen, oft stark und belastend.
- Sehstörungen, die in schweren Fällen zu einer Schädigung des Sehnervs führen können (Papillenödem).
- pulsierendes Ohrgeräusch, auch pulssynchroner oder pulsatiler Tinnitus genannt. Betroffene beschreiben es wie ein rhythmisches „Pochen im Ohr“, das stärker wird, wenn auch die Kopfschmerzen zunehmen.
Wie wird die Diagnose gestellt?
Mit der Magnetresonanztomographie (MRT) – können die Engstellen in den venösen Blutleitern zuverlässig und ohne Strahlenbelastung sicher erkannt werden (s. Abb. 1). Besonders häufig betroffen ist der sogenannte Sinus transversus, einer der großen venösen Blutleiter im Kopf, über den das Blut aus dem Gehirn abfließt (s. Abb. 1. und 2).
Eine bewährte Behandlung: Venous Sinus Stenting (VSS)
Die wichtigste Therapie heißt Venous Sinus Stenting. Dabei wird die Engstelle am venösen Blutleiter mit einem selbsexpandierenden Metallröhrchen – einem sogenannten Stent – aufgeweitet. Dadurch kann das Blut wieder ungehindert abfließen und der Druck im Schädel sinkt (s. Abb. 2).
Abbildung 2:

Diese Methode wird seit über 30 Jahren eingesetzt. Inzwischen liegen mehr als 1.000 dokumentierte Behandlungsfälle vor. Sie zeigen:
• VSS ist sicher, wirksam und langfristig erfolgreich.
• Das Risiko schwerer Komplikationen, etwa einer Hirnblutung, liegt unter 1 %.
Was aktuelle Studien zeigen:
Ein Meilenstein war die River-Stent-Studie, die 2018 gestartet wurde. Anfangs war das Verfahren nur für sehr schwer erkrankte Patientinnen und Patienten vorgesehen. Heute ist klar:
• VSS hilft nicht nur in schweren Fällen, sondern auch bei Betroffenen mit starkem Tinnitus, heftigen Kopfschmerzen oder drohendem Sehverlust durch ein Papillenödem.
• Nach erfolgreicher Behandlung sind zusätzliche Eingriffe – etwa Lumbalpunktionen oder Katheteruntersuchungen – meist überflüssig. Das klinische Bild ist entscheidend. Es genügt eine Kontrolle per MRT, sogar ohne Kontrastmittel.
Was bedeutet das für Betroffene?
Der Begriff „Pseudotumor“ hat ausgedient. Die Erkrankung ist keine mysteriöse Hirndrucksteigerung, sondern ein klar definierbares venöses Abflussproblem, das gezielt behandelt werden kann.
Mit der VSS-Behandlung lassen sich Symptome wie Kopfschmerzen, Tinnitus oder Sehstörungen in der Mehrzahl der Fälle dauerhaft beseitigen – und das mit einem sehr geringen Risiko.
Für Patientinnen und Patienten bedeutet das:
- eine verständliche Diagnose.
- eine sichere und etablierte Therapie.
- und vor allem: Aussicht auf eine deutliche Verbesserung der Lebensqualität, meist Heilung.
„Der alte Begriff Pseudotumor cerebri gehört der Vergangenheit an – heute verstehen und behandeln wir die Erkrankung gezielt und effektiv.“
