„Ich danke allen Beteiligten für ihren engagierten Einsatz. Selbstverständlich haben wir an der einen oder anderen Stelle Verbesserungsmöglichkeiten entdeckt. Aber genau dafür sind solche Übungen da, um sich für den Ernstfall zu wappnen. Unabhängig davon bin ich sehr zufrieden und positiv beeindruckt, wie professionell insbesondere in unserem ZNA-Team die Abläufe auch in Stresssituationen beherrscht wurden“, sagt der medizinische Geschäftsführer, Dr. Jörg Noetzel, der die Katastrophenschutzübung begleitet hat.
50 Verletzte nach einem Zusammenprall zwischen einem Gelenkbus mit einem Gefahrgut-Transporter, die auf die drei Darmstädter Krankenhäuser verteilt werden müssen. Das war die Meldung, die am Samstagmorgen um 9.25 Uhr im Klinikum eintraf. Glücklicherweise kein Ernstfall, sondern das Szenario einer Katastrophenschutz-Übung, die die Stadt, die Feuerwehr und die Rettungsdienste organisiert hatten.
Kurz vorher, um kurz vor 9 Uhr klingelten bei den Mitgliedern der Krankenhauseinsatzleitung die Handys: MANV-Alarm. MANV bedeutet Massenanfall an Verletzten und ist ein Grund, die Krankenhauseinsatzleitung einzuberufen. So ist es im Krankenhaus-Einsatzplan festgelegt. Einsatzleiter an diesem Morgen waren Prof. Dr. Wild, Kllinikdirektor der CII, und Bernd Schmidt. Dr. Peter Petersen, Direktor der Zentralen Notaufnahme, hatte die Rolle des ZONK (Zentraler Operativer Notfallkoordinator) inne. Außerdem kamen Vertreter*innen der Pflege, der IT, der PAV, der SSG, der Patientenaufnahme, der Psychosomatik, der Unternehmenskommunikation und andere im KHEL-Einsatzraum zusammen, um die benötigten Positionen im Einsatzstab zu besetzen (siehe Infokasten). Schnell war klar, es braucht zusätzliches Personal, um zehn Behandlungsräume und 20 Operationssäle laufen lassen zu können.
Im Bereich der alten ZNA bereiteten die Mitarbeitenden der ZNA Tragen vor, an jede wurden Infusion gestellt, um schnell reagieren zu können. Ein mobiler Triageplatz mit Ultraschallgerät und PC wurde aufgebaut. Dann hieß es Warten, denn erst um kurz nach 10 Uhr kommen die ersten Verletzten. Die Zeit wurde genutzt, um Fragen, Abläufe, Positionen und Aufgaben zu klären.
Dann ging es los: „Aua, mein Bein tut so weh“, jammert eine junge Frau, die auf einer Trage hineingeschoben wird, ihr Hals ist blutig geschminkt. Die Rettungssanitäterin übergibt die Patientin. Sie ist auch aufgeregt, so viele Zuschauendende bei einer Übergabe. ABC-Schema murmelt jemand. Ein Oberarzt der ZNA übernimmt. Stimmt die Triagisierung, die vor Ort vorgenommen wurde noch, oder hat sich der Zustand der Patientin verschlechtert?
80 Mimen hatten sich bereit erklärt, die Unfallopfer darzustellen – möglichst realistisch, deshalb wurden ihnen auch die Wunden geschminkt. Auch Pjler aus dem Klinikum sind unter den Schauspieler*innen. Alle 30 Minuten tritt die KHEL wieder zusammen. Wie viele Verletzte werden versorgt? Ist die Radiologie informiert? Steht die Beschilderung? Wohin gehen die Angehörigen? Jeder Bereich hat seine Aufgaben und gibt einen kurzen Bericht. Alles läuft.
Eine Patientin kommt in Bauchlage. Die Sanitäterin erklärt. „Schwere Bauchverletzung - wir haben uns für ,load und go‘ entschieden“, erklärt sie bei der Übergabe, deshalb gibt es wenig Aussagen zu ihrem Gesundheitszustand. Die Patientin bekommt sofort ein rotes Bändchen und geht in den Schockraum. Ein Mime wird an diesem morgen „sterben“. Die Kolleg*innen der Psychosomatik kümmern sich um die Angehörigen, außerdem ist ihre Aufgabe Menschen zu helfen, die ihre verletzten suchen. Es folgen Beckenbrüche und Kopfverletzungen.
„Nach zunächst eher ruhigem Start der Übung kamen im Verlauf die Verletztendarsteller in rascher Reihenfolge (teils fünf gleichzeitig) mit der Rettung zum Triagepunkt und brachten so das Sichtungsteam und die Patientenregistrierung unter Stress. Dennoch wurden die Patienten auch und gerade dann mit hohem Engagement aller Beteiligten zügig und kompetent abgearbeitet. Sie wurden dann in die korrekte Versorgungsebene (rot/gelb/grün) weitergeleitet. Auch die externen Beobachter aus benachbarten Kliniken, der Feuerwehr und der Bundeswehr haben die Schnelligkeit und Qualität von Sichtung und Arbeitsorganisation gelobt“, sagt Dr. Peter Petersen, Direktor der Zentralen Notaufnahme.
Um 11.49 Uhr kommt die Meldung, dass es keine OP-Kapazitäten mehr gibt, aber es kommen auch keine Patient*innen mehr. Die Bilanz: 19 Patient*innen wurden stationär aufgenommen, einer ist verstorben, 13 davon waren schwerverletzt. Langsam kehrt wieder Ruhe in die Räume der alten ZNA ein und nur noch Rettungssanitäer*innen mit „echten“ Patient*innen kommen fahren in der Wagenhalle vor. Jetzt geht es darum zu analysieren: Was war gut? Wo haben wir Verbesserungspotential? Damit im Ernstfall jeder weiß, was er zu tun hat.
„Übungen helfen außerhalb des wirklichen Notfalles Fehlerquellen zu detektieren und im Vorfeld anzugehen um für den Ernstfall vorbereitet zu sein“, sagt Prof. Dr. Wild abschließend und sein KHL-Einsatzleiterkollege, Bernd Schmidt ergänzt: „Übung macht den Meister. Nur durch solche Übungen können wir feststellen wo es hakt und wir korrigierend eingreifen müssen."
Infos:
Krankenhäuser müssen auf außergewöhnliche Herausforderungen vorbereitet sein. Bei Großschadensereignissen tragen sie am Schlusspunkt der Rettungskette eine große Verantwortung. Aus diesem Grund muss jedes Krankenhaus einen Einsatzplan haben, der das Vorgehen im Fall einer Katastrophe regelt. Die Krankenhaus-Einsatzleitung tritt zusammen, wenn Aufgaben zu erfüllen sind, die ungewöhnlich sind und eine Umorganisation des gewöhnlichen Ablaufs erfordern. So wie ein Massenanfall an Verletzten. Dann müssen Abläufe in der Entscheidungsfindung gestrafft werden und Erkenntnisse aus verschiedenen Abteilungen müssen schnell zu abgestimmten Entscheidungen führen. Außerdem muss eine einheitliche Information nach Außen sichergestellt werden.
Um dies alle zu gewährleisten, gibt es eine Stabsleitung und verschiedenen Sachgebiete (S1 Personal, S2 Lage, S3 Einsatz, S4 Versorgung, S5 Presse- und Medienarbeit, S6 Information und Kommunikation), die je nach Geschehnis verschiedene Aufgaben übernehmen. Diese Personenkreis trifft sich in regelmäßigen Abständen.
